Cultura nel Sud

Ausblick vom Zug

Es war unweigerlich an der Zeit, dem süßen Nichtstun am Strand von Rimini den Rücken zu kehren. Mein Weg nach Süden führte mich diesmal über die Schiene. Der Frecciarossa, ein roter Pfeil von einem Zug, rollte geradezu unverschämt pünktlich ein und trug mich die gesamte Adriaküste hinab. Ein wahrer Traum für den geneigten Zugreisenden – für den strandliegenden Touristen hingegen ein eher fragwürdiges Vergnügen. Man muss sich in Italien entscheiden: Entweder man schenkt dem Zugfahrer ein majestätisches Panorama, oder man gönnt dem Urlauber einen ruhigen Strand. Beides geht nicht. So liegt man also auf seinem Liegestuhl, blinzelt in die Sonne und lauscht den ohrenbetäubenden Geräuschen der eisernen Rösser, die in schöner Regelmäßigkeit direkt hinter der Badehose vorbeidonnern und entweder Menschenmassen oder feilgebotene Marktgüter transportieren.

Ich muss gestehen, ich hegte gewisse Vorurteile gegen den Süden. In meinem Kopf spukten noch Erinnerungen an das alte Neapel: arm und rustikal. Ein wenig wie gewisse deutsche Landstriche, an denen die Zeit nicht einfach vorbeigegangen ist, sondern schreiend die Flucht ergriffen hat. Doch Italien belehrte mich eines Besseren. Jeder einzelne Bahnhof, an dem wir vorbeirauschten, schien einem Werbekatalog für Infrastruktur entsprungen zu sein. Alles frisch renoviert, von Rimini bis Bari. Überall sprießen neue, moderne Häuser aus dem Boden, als hätte jemand Wachstumsdünger über Apulien verstreut. Sie werden ihren Preis haben, gewiss. Aber offenbar gibt es hier eine Regierung, die den unerhörten Weg gewählt hat, den Erwerb von Eigentum und Wohlstand bei ihren Bürgern tatsächlich zu fördern. Ein faszinierendes Konzept, das in deutschen Ministerien vermutlich als revolutionäre Ketzerei verbrannt würde. Der Zug selbst war ebenfalls hochmodern. Bald sollen diese roten Flitzer ja auch auf deutschen Gleisen fahren. Dummerweise auf den dortigen Gleisen. Irgendwas ist ja immer.

Da die Bahningenieure offenbar beschlossen hatten, dass Bari das Ende der zivilisierten Gleiswelt sei (zumindest Richtung Westen), stand mir noch eine Busfahrt nach Matera bevor. Und da Busse bekanntlich scheu sind und nur von Flughäfen abfahren, zwang mich mein Weg in eine S-Bahn. Auch diese: brandneu. Alles blitzblank. Es ist fast ein wenig unheimlich.

Kunst

Überpünktlich um 18 Uhr spuckte mich der Bus in Matera aus. Meine Unterkunft lag nur fünf Gehminuten entfernt – eine Distanz, die selbst ich ohne Sauerstoffzelt bewältige. Nach einer kurzen Inspektion der Lage knurrte mein Magen ein vernehmliches „Pizza per me!“. Schließlich lag meine letzte Mahlzeit Äonen zurück (heute Morgen im Hotel). Eigentlich rief danach das Bett, doch am Vorabend in Rimini war ich schließlich auch heldenhaft ins Nachtleben abgetaucht. Also warum nicht heute? Schließlich hatte ich den ganzen Tag nur sitzend im klimatisierten Transportwesen verbracht.

Fünf Minuten von meiner Tür entfernt beginnen die Sassi, der historische Stadtteil Materas. Es ist, gelinde gesagt, ein architektonischer Wahnsinn. Uralte, in den Stein gehauene Höhlenwohnungen. Ich könnte jetzt mein Mobiltelefon zücken und das Internet befragen, aus welchem Gestein das alles genau besteht, aber wer alles sofort googelt, beraubt sich seiner eigenen Fantasie. Alles ist gepflegt, die Gassen sind bewohnt und schlängeln sich wie versteinerte Spaghetti durch den Fels. Besonders bei Nacht, wenn alles beleuchtet ist, grenzt es an Theatralik. Die Wege allerdings sind vom Lauf der Jahrhunderte derart glatt poliert, dass sich eine gewisse schlittschuhartige Fortbewegung aufdrängt. Trittsicherheit ist hier nicht nur ein Wort, es ist eine Überlebensstrategie.

Blick auf Sassi

Man muss sich das vorstellen: 1993 wurde Matera zum Weltkulturerbe ernannt. Davor war es der vielzitierte „Schandfleck Italiens“. Ungefähr so, wie man sich Deutschland im Jahr 2026 vorstellt. Heute ist es der funkelnde Stolz der Region. Es zeigt sich: Wenn man Geld nicht nur ausgibt, sondern investiert, kann Wunderbares entstehen. Wer weiß, vielleicht ist Deutschland im Jahr 2075 ja auch wieder ansehnlich. 😉

Wer nun glaubt, Matera sei ein reines Freilichtmuseum für Touristen, irrt gewaltig. Die Universität sorgt für eine Schwemme an jungen Menschen. Das Ergebnis: geöffnete Bars, DJs in der Nacht und ein fröhliches Treiben auf den Straßen. Kein finsteres Herumlungern, kein panisches Umklammern der Brieftasche. Einfach nur Zivilisation. Herrlich.

Sassi bei Nacht

Am nächsten Morgen forderte der Körper nach Frühstück. Ich spazierte zum Hauptplatz und ließ mich im Schatten nieder. Schon hörte ich in meinem Kopf die ermahnenden Stimmen meiner überaus rationalen Freunde aus der Heimat: „Nimm dir doch ein Butterbrot mit! Das kann man auch auf einer Parkbank essen!“ Nun, Stil ist nicht das Ende des Besens. Das Treiben bei einem Cappuccino und zwei Brioches con Crema zu beobachten, während ein bezahlter Kellner mir die Arbeit abnimmt, entspricht deutlich mehr meinem Naturell. Ich überreichte dem guten Mann zehn Euro und zog von dannen.

Leider geschmolzen

Mein Weg führte mich – geleitet von einem Plakat – zu einer Dalí-Ausstellung. Wer versucht, mit Google Maps durch die Sassi zu navigieren, wird unweigerlich Teil eines surrealen Experiments. Der Algorithmus der App weint angesichts der dreidimensionalen Höhlenwege. Oxygen Maps brachte mich zwar näher ans Ziel, kapitulierte aber letztlich ebenfalls vor dem historischen Stadtplaner. Die Ausstellung in einem alten Felsenhaus entlohnte mich. Dalí hatte ein wunderbar verschobenes Weltbild – angenehm surreal.

Wusstet ihr eigentlich, dass Dalí das Logo für Chupa Chups entworfen hat? Sein Freund, der Firmengründer, brauchte ein Logo, und Dalí kritzelte es mal eben auf eine Zeitung. Ein Meisterwerk ist es nicht. Aber es ist eben von einem Künstler. Heute würde man eine Künstliche Intelligenz darum bitten und bekäme 40 Variationen, von denen keine auf einer spanischen Tageszeitung steht.

Kauderwelsch

Und so sitze ich nun hier, in der kühlen Ausstellung, und schreibe diese Zeilen. Denn wenn der Reisende nicht sofort alles niederschreibt, verflüchtigen sich die kleinen Absurditäten des Alltags. Eine Beobachtung, ein Gedanke, ein glatter Stein – das sind die wahren Souvenirs, die man nach Hause trägt.

Eindrücke von Matera