Gedanken

Mein Tag begann heute in würdevoller Ruhe auf dem Zimmer, bevor ich mich auf den Weg nach draußen machte. Zur Abwechslung spazierte ich die Straße einmal in die entgegengesetzte Richtung, also weg vom Zentrum. Je weiter ich mich entfernte, desto mehr wandelte sich das Straßenbild. Die Döner-Dichte nahm spürbar zu, auch wenn die tapferen Strandgeschäfte mit ihren Luftmatratzen, Souvenirs und sonstigem Gedöns weiterhin wacker die Stellung hielten

Laternen in R-imini Form. Diese haben sie leider falsch herum angebracht. Komischerweise ist das hinter mir korrekt. Die Idioten.

Beim Flanieren kamen mir so meine Gedanken über das Reisen in den Sinn. Speziell das Alleinreisen. Meine Frau und ich ernten ja in schöner Regelmäßigkeit Blicke tiefsten Unverständnisses, wenn wir beiläufig erwähnen, dass wir auch mal getrennt in den Urlaub fahren. Als stünde unweigerlich die Trennung kurz bevor. Dabei ist es doch ganz simpel: Die Dosis macht das Gift. Es gibt Erlebnisse, die teile ich am liebsten mit der allerbesten Ehefrau von allen – in den italienischen Tag hineinleben, exzellent essen gehen, das ganze Dolce Vita eben. Andere Dinge tut man besser mit Freunden, und manches ist allein schlichtweg am schönsten.

​Jeder Mensch hat schließlich seine eigenen Interessen. Natürlich nimmt man in einer Partnerschaft Rücksicht, aber was genau wäre der viel beschworene Kompromiss, wenn unsere Vorlieben kollidieren? Dass einer von uns sich zähneknirschend anpasst und mit stiller Hingabe mitleidet? Das muss doch nicht sein. Dann gönnt sie sich lieber ihre Auszeit, und ich stürze mich ins laute Musik-Gedöns oder treffe mich mit den alten Kumpels zum Daddeln.

​Gerade bei diesen Treffen drängt sich unweigerlich die Erkenntnis auf, wie unverschämt schnell die Zeit vergeht. Neulich dachte ich wieder an unsere allerersten LAN-Partys um die Jahrtausendwende zurück, als wir noch mit glänzenden Augen bei „Battlefield 1942“ die virtuellen Fronten verteidigten. Ein Vierteljahrhundert später sitzen wir im Grunde immer noch da. Nur dass sich draußen, in der realen Welt, währenddessen das volle Programm abspielte: Ehen wurden feierlich geschlossen und gelegentlich auch wieder beendet, Familien wurden gegründet, und jene Kinder, die damals noch nicht einmal eine vage Idee waren, sind urplötzlich achtzehn Jahre alt geworden und hängen uns mit ihren eigenen Gaming-Accounts mühelos ab. Wir haben uns kaum verändert, nur das Universum um uns herum ist irgendwie unerlaubt erwachsen geworden.

Wenn ich mich dann so bei besagten Familienvätern oder Kollegen umhöre, scheint es in unserer Gesellschaft das ungeschriebene Gesetz zu geben, dass Eltern – sobald der Nachwuchs auf der Welt ist – das Land ausschließlich im hochheiligen Familienverbund verlassen dürfen. Und zwar exakt nach dem Diktat der Schulferien. Selbst wenn die Eltern eigentlich dringend mal ein paar Tage Stille bräuchten. Man wagt es kaum, diese eiserne Regel zu brechen, aus purer Angst, sofort als Rabeneltern in die Geschichte einzugehen. Dabei wäre doch allen geholfen: Man schafft sich bewusst gegenseitige Freiräume – sei es ein Wochenende für sich allein, während der andere übernimmt, oder eine Auszeit als Paar, während die Großeltern freudig das Regiment führen. Aber der Mensch leidet offenbar lieber vertraut, als Neuland zu betreten. Da wird dann eher das neueste technische Spielzeug zur Frustbewältigung angeschafft, statt einfach mal in die eigene Lebensqualität zu investieren.

​Aber gut, solche lebensphilosophischen Traktate spinnt man eben vor sich hin, wenn man allein unterwegs ist und völlig ungestört dem eigenen Rhythmus folgen kann – ganz ohne pädagogischen Auftrag an den Rest der Welt, versteht sich.

Nun sitze ich hier an meinem letzten Abend in Rimini im Biergarten am Hafen, betrachte das emsige Treiben der Gäste und lausche dem Personal, während die Sonne langsam untergeht. Um die Ecke gibt es noch eine Tanzbar, die vorhin allerdings gähnend leer war. Morgen führt mich die Reise weiter in Richtung Süden.

Sonnenuntergang über dem Hafen