Meine Erkältung macht mir doch recht zu schaffen. Daher bin ich nicht wirklich viel unterwegs gewesen. Aber das was ich alles noch so erlebt habe, würde ich gerne mit Euch teilen.

Ich möchte im Folgenden ein paar Beobachtungen teilen, die ich wahrgenommen habe. Mir gefällt das Stadtbild von Florenz. Auch wenn ich gelesen habe, dass Florenz jetzt die Außensitzbereiche von Cafés und Restaurants gerade auf den bekannten Plätzen einschränken will. Im Gegensatz zum deutschen Stadtbild, welches einerseits durch gelangweilte, am Handy daddelnde junge arabische Männer und anderseits aus shoppenden ukrainischen Damen besteht, habe ich hier nirgends das Gefühl, dass jemand Langeweile hat. Natürlich habe ich auch eine Bettlerin und einen auf Pappe schlafenden Obdolosen gesehen. Aber nur eine bzw. einen. Viele nicht-italienisch wirkende Männer betreiben Souvenirläden oder Marktstände. Könnten aber auch nur gut gebräunte Süditaliener sein. Man weiß es nicht. Ist auch unwichtig, Mein Gefühl ist: Italien ist ein sicheres Land. Die Geschäfte schließen um 23 Uhr, generell ist die Stadt sehr nachtaktiv. Dafür steht man morgens vor teilweise verschlossenen Türen. Schlaf ich ja eh noch. Passt sozusagen.
In Florenz sind viele Amerikaner unterwegs. Ich könnte nächstes Mal ein „Yankees go home“-Shirt anziehen. Aber nein, bin ja friedlich. Habe sogar zwei jungen Amerikanerinnen im Supermarkt beim Weinkauf beraten. Ja, das kann ich. Sie wollten einen Weißwein, einen Rosé und einen Rotwein. Natürlich eher nicht trocken. Ich habe zum Chardonnay und zu einem roten Chianti geraten. Den Rosé wählten sie selber. Mensch, wer Wein sagt, muss Falk sagen. Oder war es eher: Wer junge Damen sagt, muss …?
Ein absolutes Highlight waren die Medici-Kapellen (oft fälschlicherweise als Cathedrale de Medici bezeichnet). Der Anblick, wenn man dort hineingeht, verschlägt einem die Sprache. Prunk ist nichts dagegen. Ich weiß ja nicht, wie groß die Mitglieder der Medici-Familie waren, in einen Sarg passte aber auch ein Pferd, oder zwei. Komplett aus Marmor standen die Särge der gehobenen Medici-Mitglieder wie Cosimo I. erhaben in der Kapelle. Also so stelle ich mir auch mein Begräbnis vor. Mindestens.
Grundsätzlich finde ich ja KI eine super Erfindung. Bei allen Besichtigungen sagte ich ihr einfach: „Sei mein Audioguide für XY. Ich stehe jetzt im Raum YZ.“ Und schon bekomme ich eine Führung mit allem Wissenswerten und auch versteckten Infos geboten. Das Beste im Gegensatz zum normalen Audioguide ist, dass ich nachfragen kann. Z. B. gab es im Palazzo Medici noch andere Wappen mit einem Schlüssel drauf. Da bekam ich gesagt, dass dies das Wappen der Familie Riccardi ist, die den Palast später von den Medici erworben haben (weshalb er heute auch Palazzo Medici Riccardi heißt). Oder was die Kugeln im Wappen der Medici bedeuten.

Hier mal ein kleiner Exkurs zur Medici Familie:
Die Medici: Wie man mit Geld, Kunst und einer Prise Starrsinn unsterblich wird
Es gibt Familien, die hinterlassen ihren Kindern ein Haus, ein paar verstaubte Sparbücher und das gute Silberbesteck. Und dann gibt es die Medici. Diese Florentiner Familie hinterließ der Nachwelt eine ganze Epoche, die halbe Kunstgeschichte und ein Testament, das die Steuerfahndung von heute in den kollektiven Burnout getrieben hätte.
Dabei fing alles so herrlich bürgerlich an.
Der Aufstieg: Vom Misthaufen zum Münzregal
Woher sie kamen? Nun, der Name deutet darauf hin, dass die Vorfahren irgendetwas mit Medizin (medici) oder Apotheken zu tun hatten. Vermutlich verkauften sie im verregneten Mugello-Tal nördlich von Florenz Hustensaft, bevor sie merkten, dass man mit dem Verleihen von Geld weitaus weniger husten muss.
Im 14. Jahrhundert zog es sie nach Florenz. Florenz war damals nicht die romantische Postkartenidylle von heute, sondern ein Haifischbecken voller ehrgeiziger Wollhändler und griesgrämiger Adliger. Giovanni di Bicci de’ Medici war der Erste, der begriff, dass man Geld am besten dort stapelt, wo es niemand sieht: in einer Bank. Er wurde der Bankier des Papstes. Und wenn der Stellvertreter Christi auf Erden bei einem Schulden hat, schläft es sich nachts herrlich ruhig.
Das System Medici: Herrscher ohne Krone
Giovannis Sohn, Cosimo, den man später ehrfürchtig „Vater des Vaterlandes“ nannte, perfektionierte das Familiengeschäft. Die Medici besaßen das seltene Talent, eine Stadt absolut zu beherrschen, während sie gleichzeitig so taten, als seien sie nur ganz normale Steuerzahler. Sie hatten offiziell kein Amt. Sie waren keine Könige. Cosimo saß abends im schlichten Mantel daheim und las Plato, während im Hintergrund seine Schecks darüber entschieden, wer im Florentiner Stadtrat sitzen durfte und wer ins Exil geschickt wurde. Ein unaufgeregtes, aber hocheffizientes System.
Sein Enkel, Lorenzo il Magnifico (der Prächtige), trieb es dann auf die Spitze. Lorenzo war kein großer Bankier – unter ihm ging das Geldverdienen eigentlich eher bergab –, aber er war ein Genie des Marketings. Er verstand, dass man Reichtum in Prestige ummünzen muss.
- Er entdeckte einen jungen, mürrischen Bildhauer namens Michelangelo.
- Er finanzierte Botticelli.
- Er veranstaltete Feste, bei denen der Wein in Strömen floss, damit das Volk vergaß, dass es eigentlich in einer Autokratie lebte.
Unter Lorenzo wurde Florenz zum Epizentrum der Renaissance. Es war eine goldene Ära, in der man als Künstler nur laut genug husten musste, um von einem Medici ein Stipendium zu erhalten. Doch wo viel Licht ist, ist auch viel Neid. Und manchmal auch ein Dolch.
Das Attentat zur Ostermesse: Blut am Altar
Bevor Lorenzo sich voll und ganz der Entdeckung von Genies widmen konnte, musste er erst einmal das Jahr 1478 überleben. Die konkurrierende Bankiersfamilie der Pazzi hatte nämlich beschlossen, dass Florenz dringend einen Tapetenwechsel brauchte. Da man die Medici im normalen Geschäftsleben nicht loswurde, plante man die radikale Variante – tatkräftig unterstützt von Papst Sixtus IV., der die Medici-Banken ohnehin für überbewertet hielt.
Der Plan war von exquisiter Pietätlosigkeit: Die Medici-Brüder sollten während des Ostergottesdienstes im Dom von Florenz am 26. April 1478 erdolcht werden. Genau im feierlichsten Moment, als der Priester die Hostie hob und alle andächtig die Augen schlossen, zogen die Verschwörer ihre Klingen.
- Giuliano, Lorenzos jüngerer Bruder, wurde im Bruchteil einer Sekunde von 19 Dolchstichen durchsiebt. Es war sein Pech, dass er an diesem Tag kein Kettenhemd trug, weil er eine Knieverletzung hatte.
- Lorenzo il Magnifico reagierte schneller. Er wickelte sich geistesgegenwärtig seinen Mantel um den Arm, um die Hiebe abzuwehren, zog sein eigenes Schwert und rettete sich mit ein paar tiefen Fleischwunden am Hals in die sichere Sakristei, deren schwere Bronzetüren hinter ihm zuknallten.
Die Pazzi hatten jedoch die Florentiner unterschätzt. Statt den „Tyrannenmord“ zu feiern, fing der wütende Mob die Verschwörer ein und hängte sie noch am selben Nachmittag aus den Fenstern des Palazzo della Signoria – darunter auch den Erzbischof von Pisa, der beim Attentat assistiert hatte. Leonardo da Vinci fertigte von einem der baumelnden Verschwörer sogar eine schnelle Skizze an. Man hielt eben auch beim Lynchen künstlerische Standards ein.
Vertreibung Nummer 1: Der Mönch und der französische König
Lorenzo überlebte das Blutbad im Dom und regierte Florenz danach noch absolutistischer als zuvor. Doch das Genie war leider nicht vererbbar.
Im Jahr 1494 beschloss der französische König Karl VIII., mit einer riesigen Armee durch Italien zu marschieren, um sich Neapel zu holen. Er stand plötzlich vor den Toren von Florenz. Piero geriet in Panik, rannte dem König entgegen und schenkte ihm – um ihn milde zu stimmen – kampflos die wichtigsten Festungen der Florentiner Republik.
Als Piero nach Hause kam, um zu erzählen, wie toll er verhandelt hatte, jagten ihn die Florentiner mit Schimpf und Schande aus der Stadt. Der Medici-Palast wurde geplündert, und die Familie ging ins Exil.
Die Macht in Florenz übernahm ein fanatischer Bußprediger namens Girolamo Savonarola. Er errichtete einen Gottesstaat, in dem Make-up, teure Kleider und „unmoralische“ Gemälde auf riesigen „Scheiterhaufen der Eitelkeiten“ verbrannt wurden. Botticelli war so eingeschüchtert, dass er einige seiner eigenen Bilder selbst ins Feuer warf. Nach vier Jahren hatten die Florentiner das Fasten jedoch satt, warfen Savonarola 1498 auf seinen eigenen Scheiterhaufen und zündeten ihn an. Ein unruhiges Pflaster, dieses Florenz.
Die Rückkehr (und die zweite Vertreibung)
Erst 1512 kehrten die Medici zurück – im Gepäck eine spanische Armee, die Florenz unmissverständlich klarmachte, wer hier wieder die Miete zahlt. Doch das Glück hielt nur, bis der nächste französische König (Franz I.) und der deutsche Kaiser sich in Italien zankten. 1527 nutzten die Florentiner die Gunst der Stunde, schmissen die Medici schon wieder raus und riefen die Republik aus.
Diesmal half der Familie ihr hauseigener Medici-Papst Clemens VII. Er verbündete sich mit dem deutschen Kaiser Karl V., dessen Truppen Florenz fast ein Jahr lang belagerten (Michelangelo half übrigens dabei, die Stadtmauern gegen den Papst zu verteidigen). Am Ende ging der Republik das Brot aus. Die Medici kehrten 1530 endgültig zurück – und brachten genau den Cosimo I. mit. Und dieser neue junge Mann im Haus hatte eine Lektion gelernt: Wenn man im feinen Florenz dauerhaft überleben will, reichen prall gefüllte Kassen nicht mehr aus. Man braucht bläulicheres Blut.
Der Adelstitel: Wenn Geld schließlich blaues Blut kauft
Nun war das mit dem fehlenden Adelstitel auf Dauer natürlich ein Schönheitsfehler. Das europäische Ausland rümpfte die Nase über die „Florentiner Krämer“. Also tat die Familie das, was sie immer tat, wenn ein Problem auftauchte: Sie investierte.
Zuerst kauften sie sich den Vatikan. Gleich zwei Medici-Päpste (Leo X. und Clemens VII.) sorgten dafür, dass die Familie im europäischen Machtgefüge unantastbar wurde. Leo X. ging übrigens als der Papst in die Geschichte ein, der den Ablasshandel so schamlos übertrieb, dass ein gewisser Martin Luther in Deutschland wütend ein paar Thesen an eine Tür nagelte. Man kann also sagen: Ohne die Medici gäbe es vermutlich keine Protestanten. Gern geschehen.
Der endgültige Sprung in den Hochadel gelang im 16. Jahrhundert mit Cosimo I. (nicht zu verwechseln mit dem alten Cosimo). Er wurde 1569 offiziell zum Großherzog von Toskana ernannt – verbrieft vom Papst und anerkannt vom Kaiser. Aus den gewieften Bankiers waren echte, gekrönte Häupter geworden. Sie heirateten in die Königshäuser von Frankreich und Spanien ein. Man hatte es geschafft. Man war wer.
Der Niedergang: Zu viel Pomp, zu wenig Genpool
Doch der Adelstitel war der Anfang vom Ende. Wenn man erst einmal eine Krone auf dem Kopf hat, verlernt man das Rechnen. Über die nächsten zwei Jahrhunderte wurden die Medici-Großherzöge dicker, träger und exzentrischer. Die Banken machten dicht, die Steuern stiegen, und die Genetik forderte ihren Tribut. Die einst so brillanten Staatsmänner wurden von Melancholie, Gicht und religiösem Wahn heimgesucht.
Anfang des 18. Jahrhunderts saß mit Gian Gastone de’ Medici ein Mann auf dem Thron, der die meiste Zeit des Tages im Bett verbrachte, das Trinken feierte und sich weigerte, die Regierungsgeschäfte auch nur mit der Kneifzange anzufassen. Er starb 1737 kinderlos. Das Haus Medici war im Mannesstamm erloschen.
Der letzte Clou: Anna Maria Luisa rettet Florenz
Hier schlägt nun die Stunde der letzten Medici: Anna Maria Luisa de’ Medici, die Schwester des lethargischen Gian Gastone. Eine kluge, stolze Frau, die fassungslos mitansehen musste, wie die europäischen Großmächte Florenz bereits wie ein Stück herrenloses Filetfleisch unter sich aufteilten. Die neuen Herrscher sollten die Habsburger (Lothringer) sein.
Anna Maria Luisa wusste, was das bedeutete: Wenn die Österreicher kommen, packen sie die Gemälde von Raffael, Michelangelo und Tizian auf Wagen und karren sie nach Wien.
Also inszenierte sie den größten bürokratischen Geniestreich der italienischen Geschichte. Im Jahr 1737 setzte sie den sogenannten „Familienpakt“ (Patto di Famiglia) auf. Sie vermachte den gesamten, gigantischen Kunstbesitz der Medici dem neuen Großherzog – allerdings unter einer knallharten, völkerrechtlich bindenden Bedingung:
Kein einziges Bild, keine Statue, kein Buch und kein Edelstein durfte jemals aus Florenz entfernt werden. Alles musste in der Stadt bleiben, und zwar ausdrücklich zur „Zierde des Staates, zum Nutzen der Öffentlichkeit und um die Neugier der Fremden anzuziehen“.
Als Anna Maria Luisa im Februar 1743 starb, hinterließ sie den Habsburgern Paläste voller Kunstwerke, die diese zwar abstauben, aber niemals mitnehmen durften.
Das Fazit
Wenn du heute in den Uffizien vor Botticellis Geburt der Venus stehst, dann dankst du nicht dem Genie des Künstlers allein. Du dankst einer sturen, älteren Dame, die den mächtigsten Herrschern Europas eine lange Nase gedreht hat.
Die Medici kamen als Händler, regierten als Fürsten und gingen als die klügsten Museumsgründer, die die Welt je gesehen hat. Florenz gehört ihnen noch heute – auch ohne Thron.